Die Welt um uns ändert sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Besonders die politischen, sozialen und ökonomischen Wertmaßstäbe sind von den Veränderungen betroffen. Das einzige, was beständig zu bleiben scheint, ist der Wandel. Dieses Paradox ist schwer zu integrieren. Der einzelne ist viel zu sehr mit der Bewältigung der Veränderungen und übergänge beschäftigt, als daß er sich ein klares Bild von Richtung und Ziel machen könnte. Er fühlt sich getrieben und ist dem Einfluß vieler Kräfte ausgesetzt.
Eine kreative Lebenseinstellung hilft uns, wechselnde Umstände zu meistern, anstatt zuzulassen, daß sie uns beherrschen. Erziehung zur Kreativität vermittelt die Eigenschaften und Fähigkeiten, die ein Mensch braucht, um sich ungewissen Situationen und Wandlungen aussetzen zu können und sie bewußt zu bewältigen. Ein kreativer Mensch ist zu diesem Risiko viel eher bereit als andere, weil er mit seiner Umwelt in ständigem Kontakt ist und lebhaften Anteil an ihr nimmt. Er paßt sich nicht nur neuen Gegebenheiten an, sondern ist auch in der Lage, sich bei Planungen und Veränderungen der Umwelt zu engagieren.
Kreativität existiert in größerem oder kleinerem Maße in jedem Menschen. Sie ist mit ihren vielen Dimensionen – Flexibilität, Offenheit, Experimentierfreudigkeit, Kommunikation, Humor, Spiel, Spannung- der gemeinsame Nenner von Prozessen in Wissenschaft und Kunst, wie in menschlichen Beziehungen im allgemein en. Kreativität kann durch Erziehung gefördert werden und wird mit der Zeit zu einer Lebenseinstellung, die uns einerseits in Wohlbekanntem und Vertrautem neue Aspekte finden läßt und uns andererseits befähigt, uns Neuem und Unvertrautem zu stellen und damit zu neuen Erfahrungen zu kommen.
Kreativität ist für mich das Ziel jeder Erziehung, wie auch jeder Psychotherapie - die für mich auch Erziehung - Umerziehung ist. Ich sehe in Erziehung das Zusammenknüpfen von Fäden des vorher Gewußten und den Fäden der neuen Herausforderung, zwischen dem Wissen und dem Erlebten. Psychotherapie ist für mich zunächst das Finden der falsch verknüpften Fäden (die den Fehler im Gewebe machen), sie auseinander bringen und sie mit den passenden und richtigen Gegenfäden von neuem zu verknüpfen. Erziehung, wie auch Psychotherapie, sollen Schüler - Kinder, wie auch Erwachsenen ihre kreativen Potentiale bewußt machen, um den kreativen Zugang zu entwickeln. Ich sehe Kreativität als höchste Stufe seelischer Gesundheit, intellektueller und künstlerischer Funktion, wie auch jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Diese Einsicht schließt auch die Erkenntnis ein, daß es keine Lebenssituation gibt, in der wir nicht verschiedene Möglichkeiten finden könnten, und daß kein Rahmen zu eng ist, als daß in ihm nicht neue Alternativen entdecken ließen.
Wie weit das Individuum es wagt, seine kreativen Fähigkeiten zu verwirklichen, ist aber von seiner Umwelt abhängig. Unsere Gesellschaft ist konformistisch. In ihr herrschen ziemlich rigide Vorstellungen davon, was in einem Kind wann entwickelt werden sollte. Diese Prinzipien werden einheitlich angewandt, undifferenziert und ohne Einsicht in die Anlagen und Möglichkeiten des einzelnen Kindes. Meine langjährige Arbeit mit Kindern brachte mich zu der überzeugung, daß die Fähigkeiten und Bedürfnisse sogar gleichaltriger Kinder sehr verschieden sind und daß also auch die Herausforderungen verschieden sein müssen. Ich kenne viele sechsjährige Kinder, die intellektuell die Reife von Acht- oder Neunjährigen haben, emotional aber wie Vierjährige sind. Wir sollten diese Tatsachen berücksichtigen lernen und uns den psychologischen und sozialen Problemen stellen, die sich daraus ergeben. Nicht selten werden begabte Kinder sehr unsensibel dazu angehalten, wie alle Kinder zu sein. Zwar ist Konformität nicht grundsätzlich negativ zu beurteilen - obwohl sie als der "Erzfeind" der Kreativität ist - aber es fragt sich, welcher Preis für Konformität bezahlt werden muß. Wenn sie Verzicht auf individuelle Fähigkeiten und Begabungen bedeutet, dann ist der Preis auf jeden Fall zu hoch. Weder das Individuum noch die Gesellschaft kann und darf es sich leisten, auf kreative Fähigkeiten zu verzichten. Wir müssen Begabung herausfordern und fördern. Daß Begabung sich immer durchsetzt, ganz gleich unter welchen Bedingungen, hat sich schon längst als Vorurteil erwiesen.
Diese überlegungen bedeuten nicht, daß ich Begabung für problematisch halte. Aus meinen Erfahrungen mit mehr als 35000 Kindern habe ich gelernt: Schwierig ist ein Kind nicht aufgrund dessen, was es ist, sondern aufgrund dessen, was es nicht ist. Nicht die Begabung ist das "Drama", sondern das Brachliegen all der Aspekte der kindlichen Persönlichkeit, die nicht herausgefordert worden sind. Sehr häufig ist es beim begabten Kind die Diskrepanz zwischen der intellektuellen und der emotionalen Entwicklung, die Konflikte hervorruft. Ich muß davor warnen, nur die spezifische Begabung zu fördern. Die ganze Persönlichkeit muß vielmehr angesprochen werden: die emotionalen, intellektuellen, musischen und sozialen Fähigkeiten. Wenn ein Begabter in angemessener Weise gefördert wird, ist er nicht problematisch.
Ein Aspekt, der für mich immer schon sehr wichtig war und es heut noch viel mehr ist, ist die seelische Reife im Kind und im Erwachsenen und besonders in der Persönlichkeit des Begabten. Dieser Aspekt ermöglicht die Kreativität, die Aktualisierung der Fähigkeiten wie auch die der Intelligenz der begabten Persönlichkeit, die im ständigen Dialog mit dem Selbst und mit der Umwelt ist.
Dieser ständige Dialog mit sich selbst und mit der Umgebung ist ein Ganzes, das einerseits alles in der Vergangenheit Erlernte und Erlebte beinhaltet, andererseits alles beeinflußt, was jetzt erlebt wird.
....In einer unserer Untersuchungen wollten wir den Effekt der seelischen Reife auf Kreativität und unabhängig davon auch auf Intelligenz herausfinden. Seelische Reife wurde als die Stärke individueller Fähigkeiten im Rahmen sozialer Forderungen definiert. Die Resultate zeigten, daß sich seelische Reife sowohl auf Kreativität als auch auf Intelligenz auswirkt. In der hochintelligenten Gruppe waren diejenigen kreativer, die seelische Reife besaßen.
Emotionale Reife ist für mich die Fähigkeit, frei und sicher und/oder trotz der Angst die Herausforderung der Gesellschaft gemäß meinen Potentialen anzunehmen. Das kreative und integrative Selbst der sich aktualisierenden Persönlichkeit ist die harmonische Balance zwischen Intellekt und Gefühlen, zwischen Eigen- und Umwelt.
Es ist die essentielle Bedingung für individuelle Entwicklung. Je eher wir diese sensible Balance im begabten Kind herstellen, um so besser wird es sich entwickeln und um so weniger Probleme werden in seiner Entwicklung aufkommen. Dies wird auch der begabten erwachsenen Persönlichkeit ermöglichen, ihre Potentiale, ihre hohe Intelligenz kreativ zu verwirklichen.
Emotionale Reife entwickelt sich durch das ganze Leben. Es ist sehr wichtig, daß besonders Eltern, wie auch Psychotherapeuten und Lehrer sich dessen bewußt sind, daß Kinder nicht nur Herausforderung für ihre Intelligenz, sondern genauso auch Herausforderungen für ihre Emotionen brauchen, die Wichtigkeit der Herausforderungen des bewußten, integrativen Selbst, welches Intellekt, Emotionen und soziale Interaktion vereint, sehen können; daß diese integrierte Persönlichkeit sich als Ganzes viel stärker und bewußter dem Leben stellen kann.
Aus dem Buch: "Mut zur Begabung"
2. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag
München - Basel
www.reinhardt-verlag.de
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From the Book
"The Courage to be Gifted", 2002, 2nd
Edition, Dvir Publishing |